Erweiterung des Konsumentenverständnisses – Beitrag in IG-MilchPost-Sonderausgabe

Auszug aus dem Zeitzeugenbericht, Kapitel 8:

Erweiterung des Konsumentenverständnisses

Das Verhältnis Erzeuger – Konsumenten neu denken: Vom Beschütztwerden zum Einmischen in die Ernährungspolitik bis zur Investitionsbeteiligung.

An dieser Stelle möchte ich in einer neuen Form die notwendige Zusammenarbeit von Erzeugern und Konsumenten auf regionaler Ebene andenken. Ausgangspunkt sind zwei Erkenntnisse, die ich hier nochmals wiederhole:

  • Erstens, dass die Regionalebene im Sinne einer künftigen regionalen Versorgungswirtschaft der wesentliche Handlungsraum für die Ernährungspolitik sein wird. Es kommt darauf an, wie die Potenziale entdeckt und zur Entfaltung gebracht werden; und dass vorhandene Ressourcen samt Artenvielfalt schonend eingesetzt und erhalten werden bzw. dass verlorene Arten wiederbelebt werden. In für alle Beteiligten überschaubaren regionalen Räumen können die Konsumenten sich an der Ernährungsfrage beteiligen und eine entscheidende Rolle der Mitentscheidung bekommen und übernehmen. „Die Zeit, in der die Bauern unter sich alleine ihre Agrarpolitik machen, ist vorbei“ sagt der Obmann der IG-Milch, Ewald Grünzweil.
  • Zweitens kann eine wirkliche Befreiung der Bauernfamilien aus ihren vereinnahmenden Strukturen jener diversen Grundherrn nur gemeinsam und in Bündnissen mit den Konsumenten Erfolg haben. In den ländlichen Regionen sollten dazu Diskussionsräume zur notwendigen Bewusstseinsbildung geschaffen werden, wo auch Konsumenten teilnehmen. Das wird den längst fälligen Demokratisierungsprozess in den ländlichen Regionen stärken und ermöglichen. Vor einer solchen bewussten Kooperation von Bauern & Kleingewerbe mit Konsumenten, sagen mir Freunde in Bayern, hat der deutsche Bauernverband bereits jetzt große Angst.

Auch in Hinsicht auf die bestehende politische Struktur sollten wir neue Wege andenken: Wir sollten bei der Frage der Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Konsumenten auch an die Institutionen herangehen, die politisch-strukturell im Nahbereich der Sozialdemokratie angesiedelt sind. In der sogenannten „Sozialpartnerschaft“ sind vier große Interessensverbände in die Politik einbezogen: die Landwirtschaftskammern (mit der PRÄKO, Präsidentenkonferenz), die Wirtschaftskammer, die Arbeiterkammer und der Gewerkschaftsbund. Es sitzen sich da, in Parteifarben gesehen, zwei schwarze und zwei rote Blöcke gegenüber. Ihre gemeinsamen Aufgaben sind u.a. die autonome Verhandlung der Kollektivverträge, die Begutachtung und Verbesserung von Gesetzesentwürfen, Teilnahme an vielen Kommissionen, die Sozialversicherungen, Konsumentenschutz etc.

An die Arbeiterkammer und an den Gewerkschaftsbund herantreten

Wir sollten an die Arbeiterkammer und an den Gewerkschaftsbund herantreten und ihnen eine Kooperation auf der Regionalebene zu zwei Punkten vorschlagen:

  • Zum einem werden die Arbeiterkammer und die Gewerkschaftsbünde ersucht, sich mit ihrem Potenzial in ihren Abteilungen mit uns politisch für den zuvor skizzierten neuen Ansatz der Regionalwirtschaft einzusetzen. Das bedeutet, dass sie aufgrund ihrer Rolle für die Arbeitnehmer, also der großen Mehrheit der Bevölkerung, und ihres daraus folgenden Interesses am Konsumentenschutz diese neue Ernährungspolitik auch politisch unterstützen.
  • Zum anderen sollten Arbeiterkammer und Gewerkschaften (über ihre Bundes- oder Landesebene) zusätzliche regionale Plattformen bilden, um regionale Bündnisse mit den Erzeugern, also mit Bauern und Kleingewerbe, zu schaffen. Diese Regionalebene sollte ein aktivierendes, entwicklungsorientiertes Selbstverständnis einnehmen, um bei der Befreiungsarbeit der bäuerlichen Bevölkerung aus ihren Abhängigkeiten mitzuarbeiten; und die Bildung neuer Wertschöpfungsketten in den Regionen begleiten.

Kurz gesagt: Diese zusätzlichen regionalen Plattformen sollten der Willensbildung der Konsumenten dienen, von Seiten der Arbeiterkammer und der Gewerkschaften mitgetragen werden und in die Ernährungsproduktion und die neue Regionalentwicklung nah eingebunden werden. Das wäre nicht nur spannend, sondern gewiss für die Regionalarbeit äußerst fruchtbar. Die so entstehenden Erfahrungen und aktuellen Themen könnten dann zwischen allen Beteiligten kommuniziert werden (von unten nach oben und von oben nach unten). Diese bewusste, allseitige Kommunikation würde die Erzeuger, die Konsumenten und alle eingebundenen Institutionen sehr bereichern.

 

Dieser Beitrag stammt aus unserer aktuellen Zeitschrift:

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