Franz Rohrmoser: Die IG-Milch und die kritische Bürgerbewegung

Die IG-Milch und die kritische Bürgerbewegung

Von Franz Rohrmoser

Manchmal glauben wir es aus der Sicht einer Bauernorganisation gar nicht, wie viele kritische KonsumentInnen und BürgerInnen sich kritisch und kompetent mit der Agrarpolitik auseinandersetzen. Die IG-Milch ist dabei ein geachteter Gesprächspartner. Das hat sich in den letzten Herbstmonaten wieder bei drei Veranstaltungen gezeigt.

Gauting bei München

Ein Medium, über das die IG-Milch in diesem Jahr wieder sehr bekannt wurde, ist der kritische Film „Bauer unser“ von Robert Schabus, in dem ja bekanntlich IG-Milch-Obmann Ewald Grünzweil mehrmals sehr markant und auch provokativ auftritt. Das wirkt bis nach Deutschland und so wurde Ewald am 13. September von einer kritischen Bürgergruppe nach Gauting im Landkreis Starnberg, südwestlich von München, zu einer Filmvorführung „Bauer unser“ mit anschließender Diskussion geladen. Ernst Halbmayr und ich begleiteten Ewald und wir nutzten dabei die Fahrtzeiten mit der Bahn für interne Gespräche, wie es mit der IG-Milch weitergehen kann und wird.

Die Moderatorin der Veranstaltung Christiane Lüst, die uns bei der Ankunft empfängt, betreibt in der Kleinstadt Gauting ein Umweltzentrum mit Fair-Café und einen Fairtrade Hofladen. Sie ist eine sehr energische, starke Frau. Christiane Lüst ist die Gründerin des Netzwerkes „Aktion GEN-Klage“ mit dem Ziel, die Einführung der Agrogentechnik in Europa auf juristischem Weg zu stoppen. Inzwischen haben sich ihrer Aktion GEN-Klage über 60 Organisationen aus Europa, Asien, Amerika und Afrika angeschlossen. Sie definieren den Schutz vor Gentechnik als Menschenrecht und kontrollieren, ob die Regierungen das auch einhalten. Bei Nichteinhaltung wird dies auf juristischem Weg eingefordert und öffentlich gemacht und sie zwingen dabei die Regierungen, die allgemein die UNO-Menschenrechte angenommen und beschlossen haben zur Umsetzung. Das ist ein sehr wirksamer Ansatz wo jeder, jede etwas bewirken kann, betont Christiane.

Der Film „Bauer unser“ und das anschließende Gespräch wurde im Kino der Klein-stadt Gauting aufgeführt. Ewald Grünzweil stellte sich anschließend der Debatte und kam beim Publikum sehr gut an. Die Diskussion mit der bewährten Moderatorin Christiane Lüst war ein Erfolg. Gesprochen wurde über unterschiedlichste Themen und Probleme der heutigen Landwirtschaft, deren Vermarktung und Verbrauchern. Ewald konnte alle Fragen beantworten und zeichnete sich – wie der Veranstalter es in einem Bericht nachher schrieb – durch sein enormes Fachwissen aus. Er erklärte auch das im Jahr 2016 in Österreich von der IG-Milch veröffentlichte „Milch-Manifest“. So wurde festgestellt, dass Probleme in der Österreichischen und der Deutschen Landwirtschaft oft ähnlich gelagert sind. Gleiche oder ähnliche Forderungen sollten also auch – gerade jetzt, in der Zeit der Bundestagswahl in Deutschland – und auch in Europa angedacht und erhoben werden. Das Milch-Manifest wurde an Teilnehmer verteilt und mit Interesse angenommen.

Nach der Diskussion ließen wir bei einem Feierabendbier den interessanten und für viele Teilnehmer lehrreichen Abend ausklingen.

Welthaus Graz

Eine zweite Veranstaltung, in der die Verbindung der IG-Milch mit kritischen Bürgerbewegungen sichtbar wurde, fand am 18. September im Welthaus Graz statt. Man kennt sich über die Plattform „Wir haben es satt“, wo neben der ÖBV unter anderen auch Dritte Welt Organisationen, darunter das Welthaus beteiligt sind. Zu dieser Diskussion im Welthaus Graz wurde wiederum Ewald Grünzweil als Experte geladen. Weitere Experten waren: Stephan Pöchtrager (Werner Lampert Beratungs Ges. m. b. H.) und Karl Buchgraber (Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein). Die Diskussion moderierte Markus Meister vom Welthaus. Von der IG-Milch war noch Bernd Kaufmann anwesend, der sich in einer sehr kritischen Wortmeldung einbrachte. Es ging um die schwierige Lage der Bauern – hier bei uns und weltweit -, Billigpreise und Butterengpässe, der Klimawandel und Wetterextreme, die Rolle der Handelsketten und die Macht der KonsumentInnen. Das waren einige der Themen, über die die Expertenrunde Montagabend im Grazer Welthaus diskutierte.

Das Publikumsinteresse war groß, wie auch die vielen Fragen an die Experten zeigten. Als Ewald Grünzweil als Milchbauer mit 40 Kühen und als Obmann der IG-Milch sagte: “Wenn die Bedingungen nicht besser werden, weiß ich nicht ob es mit meinem Hof nach mir weitergeht“, ließ das die Zuhörer aufhorchen. Stephan Pöchtrager erklärte durchaus spannend wie die Lampert-Gruppe es schafft, dass ein Billiganbieter, wie der Hofer, einzelne, regional definierte Spezialprodukte mit einem höheren Preis verkauft, um auch den Bauern einen höheren Preis zu zahlen. Karl Buchberger von Raumberg-Gumpenstein zeigt sich als gewiefter Politiker, der zwar die notwendigen Neuerungen recht gut kennt und auch vertritt, aber gleichzeitig auch die gängige Agrarpolitik in Schutz nimmt.

Im Rahmen der Veranstaltung in Graz fand auch ein Gespräch mit dem Grazer Professor für Soziologie Franz Höllinger statt, der im Sommer gemeinsam mit Ernst Halbmayr in einer Radiosendung diskutierte. Es ging um eine mögliche Zusammen-arbeit, wobei bisher keine besondere Möglichkeit sichtbar wurde.

City-Kino in Steyr

Eine dritte Veranstaltung fand ein Monat später am 18. Oktober im City-Kino in Steyr statt, dort wo auch die letzte Jahreshauptversammlung der IG-Milch war. Gezeigt wurde der sehenswerte Dokumentarfilm „Das System Milch“ von Andreas Pichler. Es wird auf erschreckende Weise gezeigt, wie die europäische Milchwirtschaft auf Abwege geraten ist. Hier vertrat Ernst Halbmayr die IG-Milch und bereicherte mit seinem großen Wissen die anschließende Diskussion neben dem kritischen Tierarzt Dr. Vinzenz Loimayr aus der Region Steyr. Auch Ewald Grünzweil, Erwin Thumfart und Thomas Schmidthaler mit Frau, sowie Stefan Scheipl nahmen von der IG-Milch teil.

Der Filmemacher Andreas Pichler, geboren 1967 in Südtirol, ist ein gelernter Profi. Er arbeitet in Deutschland und hat schon mehrere berühmt gewordene Filme gemacht und hat Auszeichnungen dafür erhalten. Sein Film „System Milch“ zeigt in einer anderen Form die gleiche Grundproblematik auf wie der Film „Bauer unser“ von Robert Schabus. Der von der Agrarpolitik selbst gemachte Wachstumswahn und Verdrängungswettbewerb zwischen Bauern geht von der Illusion aus, dass wir unsere Milch in den asiatischen Ländern verkaufen können. Der Film zeigt aber auch auf der fundierten Basis des Welternährungsberichtes klar und beeindruckend auf, dass die künftige Welternährung nicht die agrarindustriellen Großbetriebe sichern. Diese Ernährung wird nur gesichert durch eine lokale, bäuerliche Produktion, mit breit gestreuten Kleinbetrieben vor Ort, die mit biologischem Anbau, direkt vom Menschen essbares Getreide und Gemüse erzeugen und wo Kühe die natürliche Ressource Gras, das der Mensch nicht essen kann, wunderbar in Milch und Fleisch verwandeln. Wenn eine solche Produktion in regionaler, direkter Verbindung mit der lokalen Bevölkerung erfolgt, kann sie am besten die Welternährung mit wenig Energieaufwand sichern.

Fazit

Die drei Veranstaltungen zeigen eindrucksvoll wie verschiedene Gesellschafts-gruppen sich auf hohem Niveau, in unterschiedlichen Formen sich mit Bauern, Ernährung und Agrarpolitik befassen. Sei es die Gruppe im Raum München, die hoch effizient Gentechnik verhindert. Oder das Welthaus Graz zeigt uns wie Organisation, die sich für Entwicklungshilfe einsetzen, auch die Agrarpolitik bei uns studieren und die Öffentlichkeit aufmerksam machen, wenn wieder Milchpulver mit Dumpingpreisen nach Afrika gebracht wird und dort die eigenen Bauern zerstört. Und der neue Film „System Milch“ von Andreas Pichler zeigt wie immer mehr professionelle Filme-macher, die Probleme aufgreifen. Für Bauern, Bäuerinnen kann und soll das ein Ansporn sein:

  • Erstens entsteht immer mehr Wissen über die Zustände und Zusammen-hänge. Das mögen unsere Eliten nicht. Dieses Wissen ist also eine wesentliche Voraussetzung für notwendige Änderungen, es ist jedenfalls ein wesentliches Potential für Veränderungen.
  • Zweitens entstehen aus diesem Potential immer mehr Möglichkeiten der Kooperation zwischen Erzeugern und Verbrauchern.
  • Drittens stellt sich dabei aber die Frage ob Bäuerinnen und Bauern überhaupt noch das Interesse, den Mut, die Kraft und die Zeit aufbringen dieses Potential und Möglichkeiten für sich und die bäuerliche Zukunft zu nutzen.

Ewald Grünzweil hat mich als Begleiter zu allen drei Treffen mitgenommen, ich fand es spannend und bereichernd, dass ich mit dabei war.

 

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