Schleuderpreise stoppen reicht nicht – notwendig sind Preisverbesserungen, die bei den Bauern ankommen
Stellungnahme der IG Milch zur aktuellen Kampagne des Bauernbundes
Die IG Milch begrüßt jede ernsthafte Diskussion über faire Preise für Lebensmittel. Sie weist jedoch darauf hin, dass ein Preisniveau, von dem bäuerliche Betriebe nicht leben können, nicht dadurch gerecht wird, dass man es lediglich stabilisiert oder „stoppt“.
„Die zentrale Frage ist nicht, ob Lebensmittel möglicherweise ein paar Cent teurer sein könnten, sondern ob es reale Preisverbesserungen gibt – und ob diese nachweislich bei den Erzeugern ankommen“, sagt Ewald Grünzweil, Obmann der IG Milch.
Der Handel ist nicht das Hauptproblem
Aus Sicht der IG Milch liegt das Kernproblem nicht primär beim Lebensmitteleinzelhandel, sondern bei der fehlenden Garantie der Weitergabe entlang der Wertschöpfungskette.
„Ich bin überzeugt, dass sich der Handel einem ernsthaften Versuch nicht verwehren würde, einzelne Produkte testweise um ein paar Cent teurer anzubieten, wenn transparent und verbindlich geregelt ist, dass diese Preisverbesserungen eins zu eins bei den Bäuerinnen und Bauern ankommen“, betont Grünzweil.
Was bislang fehlt, ist nicht die Gesprächsbereitschaft, sondern ein glaubwürdiges, überprüfbares Weitergabemodell.
Transparenz braucht Verantwortung in den eigenen Strukturen
Damit solche Modelle möglich werden, braucht es klare Verantwortung innerhalb der bestehenden Strukturen. Der Bauernbund ist hier besonders gefordert.
„Es geht nicht darum, jemanden zu bitten oder zu drängen“, stellt Grünzweil klar. „Der Bauernbund sollte seine Funktionärinnen und Funktionäre ausdrücklich darin unterstützen, in ihren Gremien und Genossenschaften Verantwortung wahrzunehmen und auf die Molkereiverantwortlichen Einfluss zu nehmen, damit transparente und verbindliche Weitergabemodelle geschaffen werden.“
Transparenz schafft Akzeptanz
Preisverbesserungen lassen sich nur dann gesellschaftlich tragen, wenn ihre Wirkung nachvollziehbar ist. Klar ausgewiesene Zuschläge, zeitlich befristet und auf den Abrechnungen sichtbar, würden Vertrauen schaffen – bei den Bauern ebenso wie bei den Konsumentinnen und Konsumenten.
„Viele Menschen hätten kein Problem damit, ein paar Cent mehr für Lebensmittel zu bezahlen, wenn sie sicher sein können, dass dieses Geld tatsächlich bei den Bauern ankommt“, so Grünzweil. „Das Problem ist nicht der Preis, sondern das fehlende Vertrauen in die Wirkung.“
Erfahrungen aus 2005: Versprochen – aber nicht angekommen
Dass diese Skepsis berechtigt ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Bereits Anfang 2005 wurde im Zuge des sogenannten Grillitsch-Pakts eine Erhöhung des Trinkmilchpreises um vier Cent angekündigt – mit der Zusage, dass auch die Bauern davon profitieren würden.
Die IG Milch hat diese Zusage damals überprüft. Am 22. März 2005 suchten Bäuerinnen und Bauern im Rahmen eines öffentlichen Milchaktionstages bei mehreren Molkereien in ganz Österreich symbolisch mit Lupen und Taschenlampen nach diesen vier Cent. Das Ergebnis war eindeutig: Die vier Cent waren nicht auffindbar.
„Wir haben damals nicht polemisiert, sondern nachgeschaut“, so Grünzweil. „Und genau deshalb sind wir heute vorsichtig, wenn wieder große Worte gemacht werden, ohne verbindliche Regeln festzulegen.“
IG Milch fordert verbindliche Regeln statt Symbolpolitik
Wer Schleuderpreise stoppen will, darf sich nicht mit dem bestehenden Preisniveau zufriedengeben. Notwendig sind reale Preisverbesserungen, verbindliche Weitergabemechanismen, volle Transparenz und eine stärkere Position der bäuerlichen Betriebe in der Wertschöpfungskette.
„Solange Preisverbesserungen nicht bei den Bauern ankommen, bleibt jede Kampagne Symbolpolitik“, sagt Grünzweil abschließend.
Rückfragehinweis
Ewald Grünzweil
0664 2023 869