Presseaussendung anlässlich der Bauernmilchpreisdepatte:

Große Marktmacht – gegen Bauern konsequent, gegen Handel wirkungslos

Warum Geschäftsführer und Vorstände der Molkereien den Druck des Handels nicht abwehren, sondern an die Bäuerinnen und Bauern weiterreichen

Bad Leonfelden 19.12.2025 – Die Fusionswelle in der Milchbranche geht auch in Österreich ungebremst weiter. Selbst bei vorsichtiger Berechnung kontrollieren die vier größten Molkereigruppen deutlich über 70 Prozent der von bäuerlichen Betrieben angelieferten Rohmilch. Diese Marktmacht wäre grundsätzlich ausreichend, um gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel Konditionen durchzusetzen, die gewinnbringende Milchpreise für die Bauern ermöglichen würden.

Genutzt wird diese Marktmacht jedoch kaum nach oben, sondern fast ausschließlich nach unten – gegen die eigenen Mitinhaber, also die bäuerlichen Eigentümer der Genossenschaften.

Die Doppelmühle

Das System folgt einem klaren Muster:

Diktat eins – der Ruf nach billigeren Preisen – kommt vom Handel.

Diktat zwei – die Milchpreissenkung – wird von den verantwortlichen Gremien in den Molkereien einfach und in gewohnter Manier an die Bauern weitergereicht.

Gegen diese extremen Konzentrationen im Molkerei- und Lebensmittelhandel können einzelne Bauern mit individuellen Lieferverträgen nichts ausrichten. Sie sind einer wirtschaftlichen Doppelmühle ausgeliefert, aus der es regional kaum ein Entkommen gibt.

Nachgeben statt Standhalten

Der Handel kann nur deshalb so erfolgreich Druck ausüben, weil er weiß, dass früher oder später eine Molkerei nachgibt und billiger liefert. Das ist kein Zwang, sondern eine unternehmerische Entscheidung.

„Niemand verlangt illegale Preisabsprachen“, stellt Ewald Grünzweil klar. „Aber es ist rechtlich völlig zulässig, sich nicht gegenseitig zu unterbieten. Genau diese Selbstdisziplin fehlt den Vorständen und ihren angestellten Geschäftsführern seit Jahren.“

Gleichzeitig forcieren die Molkereien Mehrproduktion statt Mengensteuerung, etwa durch Staffelpreise, die größere Milchmengen belohnen. Diese Politik verschärft den Preisdruck weiter und schwächt die gesamte Erzeugerseite.

Funktionale Machtumkehr

Formell sind die Genossenschaften im Eigentum der Bauern. Faktisch haben sich die Ebenen jedoch umgekehrt:

Die Geschäftsführungen führen, die Vorstände kontrollieren nicht mehr, sondern bestätigen.

Wie weit diese Rollenverschiebung reicht, zeigt ein Erlebnis aus der Praxis: Bei einem Gespräch mit dem Obmann einer der größten Molkereien klingelte dessen Handy. Er entschuldigte sich mit den Worten: „Da muss ich abheben, der Chef ruft an.“

Der Anrufer war der Geschäftsführer – ein Angestellter jener Genossenschaft, deren Eigentümer die Bauern sind und zu deren Obmann er gewählt wurde.

„Ist ja euer Unternehmen“ – ein Mythos / Tierwohl+ als Zwangsmodell

Besonders sichtbar wird diese Schieflage beim Tierwohl+-Zwang. Betriebe werden zur Teilnahme verpflichtet („sonst wird die Milch nicht mehr abgeholt“), ohne dauerhaft gesicherte, gewinnbringende Milchpreise. Das wirtschaftliche Risiko bleibt vollständig am Hof.

Brisant ist, dass diese Entscheidungen von bäuerlichen Funktionären in Vorständen und Aufsichtsräten mitgetragen werden – oft ohne ernsthafte Einbindung der Basis.

„Tierwohl dient als Argument – bezahlt wird es von den Bauern“, so Grünzweil.

Fusionen und Angst

Im Zusammenhang mit aktuellen Fusionsvorhaben – etwa zwischen SalzburgMilch und Pinzgau Milch – berichten Lieferanten von einem massiven Klima der Einschüchterung. Kritischen Lieferanten sei nahegelegt worden, Versammlungen fernzubleiben oder keine Wortmeldungen zu machen und keinen „Aufstand“ zu provozieren.

Ehemaligen Lieferanten der Freien Milch Austria, die keine Genossenschaftsmitglieder der Pinzgau Milch sind, sei von Verantwortlichen der SalzburgMilch signalisiert worden, sich einen anderen Abnehmer zu suchen.

Selbst der Wunsch nach einer geheimen Abstimmung sei mit der scharfen Nachfrage nach der Liefer(anten)nummer beantwortet worden. Das zeigt: Abweichung wird registriert.

Bäuerinnen und Bauern sind in den Augen der Verantwortlichen Nummern ohne Namen – Liefernummern.

„Wenn Lieferanten aus Angst schweigen, ist das keine Zustimmung, sondern Anpassung unter Druck“, so Grünzweil.

Freie Milch Austria: Abschreckung statt Lehre

Wie bäuerliche Selbstorganisation in Österreich endet, zeigte das Beispiel Freie Milch Austria. Die neu entstandenen Strukturen wurden systematisch durch die Molkereien torpediert.  Das ist ein klassischer Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung.

Bis heute müssen deswegen ehemalige Lieferanten Strafzahlungen leisten.

Das Signal ist eindeutig:

Wer sich organisiert und ausschert, zahlt.

Da nationale Instrumente wie Bundeswettbewerbsbehörde, UTP-Richtlinie oder Fairnessbüro nicht wirksam eingreifen, hat die IG-Milch eine Eingabe bei der EU-Kommission eingebracht.

Wertschöpfung ist da – sie kommt aber nicht am Hof an

Eine aktuelle Studie des Industriewissenschaftlichen Instituts zeigt die wirtschaftliche Schieflage deutlich: Die Nutztierhaltung in Österreich erwirtschaftet jährlich 15,6 Milliarden Euro und sichert 182.000 Arbeitsplätze. Gleichzeitig sind seit 2020 die Umsätze um 18 Prozent, die Kosten jedoch um 37 Prozent gestiegen.

Während die Kosten steigen, werden die Milchpreise gedrückt.

Raiffeisen: das selbst­erhaltende Machtsystem hinter der Milch

Zentral für das Verständnis der österreichischen Milchwirtschaft ist das Raiffeisen-System. Raiffeisen agiert nicht als einzelnes Unternehmen, sondern als vernetztes Macht- und Steuerungssystem, das zentrale Bereiche des bäuerlichen Wirtschaftens verbindet: Kredit, Verarbeitung, Interessenvertretung, Marktordnung und politische Institutionen.

Dieses System funktioniert selbsterhaltend.

Der Kreislauf ist seit Jahrzehnten derselbe:

Zuerst wird Wachstum eingefordert – größere Betriebe, mehr Leistung, höhere Investitionen. Dieses Wachstum führt zwangsläufig zu Überproduktion. Überproduktion erzeugt Krisen: Preisverfall, Existenzdruck, Verschuldung. Auf diese Krisen folgen neue Programme, Fonds, Institutionen und „Lösungen“, die jedoch nicht das System verändern, sondern es stabilisieren. Am Ende steht wieder der Ruf nach weiterem Wachstum.

Für die Bauern bedeutet das:

steigende Verschuldung,

zunehmende Abhängigkeit,

immer weniger Gestaltungsspielraum.

Für das System bedeutet es:

gesicherte Rohstoffmengen,

ausgelastete Molkereien,

stabile Kredit- und Absatzströme.

Raiffeisen braucht dafür keine offenen Anweisungen. Die Macht liegt in den Strukturen: in Kreditverträgen, Lieferverträgen, Förderlogiken und Netzwerken. Die Höfe gehören den Bauern – die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht.

Der historische Gutsherr befahl offen.

Der moderne Gutsherr definiert die Bedingungen.

Solange dieses System unangetastet bleibt, werden bäuerliche Betriebe weiter zwischen Molkereien und Handel zerrieben – unabhängig von Programmen, Appellen oder wohlklingenden Reformversprechen.

Rückfragen

Ewald Grünzweil

0664 2023 869

ewald.gruenzweil@gmail.com

office@ig-milch.at

„Nicht Preisabsprachen sind das Problem, sondern dass sich Molkereien freiwillig gegenseitig unterbieten – und den Preis dafür zahlen am Ende die Bauern.“