EMB-Newsletter, November 2011

Liebe Milchbäuerinnen und Milchbauern, liebe Interessierte,

am 2. / 3.11.2011 reiste der EMB-Vorstand nach Kroatien, um an einer von EMB und HSUPM gemeinsam organisierten Konferenz zur Milcherzeugung in Europa teilzunehmen. Neben der Konferenz fanden intensive Gespräche mit Vertretern des kroatischen EMB-Mitgliedes HSUPM sowie eine Hofbesichtigung statt. In diesem Newsletter finden Sie auch ein Interview mit der Milcherzeugerfamilie, die uns auf ihrem Hof empfing.

Im Laufe der Konferenz, an der neben vielen Milcherzeugern auch Vertreter der Institutionen  und aus der Molkereiwirtschaft teilnahmen, wurde deutlich, dass die institutionelle Politik in Kroatien  sich stark auf die zukünftig von der EU zu erwartenden Subventionen bezieht und weniger über strukturelle Rahmensetzungen für die Milcherzeugung nachdenkt. Doch wo sind die Antworten auf folgende Fragen:

  • Wie können die Erzeuger befähigt werden, ihre Milch den Molkereien zu kostendeckenden Preisen zu verkaufen?
  • Wie kann ihre Position am Markt gestärkt werden?
  • Wie können sie nach dem EU-Beitritt gegenüber billigeren Importen aus der EU bestehen?
  • Wie können sie die notwendigen Anpassungen an die EU-Normen erreichen?
  • Welche betrieblichen Maßnahmen sollten durch Subventionen gefördert werden, um langfristig tragfähige Strukturen in der Milcherzeugung und damit ganz allgemein im ländlichen Raum zu schaffen?

Das EMB-Mitglied HSUPM setzt sich aus regionalen Milcherzeugerverbänden in ganz Kroatien zusammen und vertritt etwa 5000 Milcherzeuger. Ein Thema des Verbandes ist aktuell auch die Bearbeitung des Themas Landreform, denn die sehr kleinen Parzellen an vielen verschiedenen Orten erschweren die landwirtschaftliche Tätigkeit sehr.
Die Zusammenarbeit zwischen HSUPM und EMB soll nach dieser erfolgreichen Zusammenkunft in den kommenden Monaten intensiviert werden.
Ich wünsche Ihnen und Euch eine gute Lektüre,

Mit herzlichen Grüssen,
Romuald Schaber, Präsident des European Milk Board

Interview mit Vlado Ljubic, kroatischer Milcherzeuger

Vlado Ljubic, 37 Jahre alt, bewirtschaftet mit seiner Frau Ljubica einen Milchviehbetrieb im Nordwesten von Kroatien, etwa 40km von Zagreb entfernt. Sie haben 23 Milchkühe und etwa 10 Jungtiere. Die Eltern von Vlado helfen noch kräftig auf dem Hof mit, der Vater ist zusätzlich als Krankenwagenfahrer tätig. Ljubica arbeitet stundenweise in der Altenpflege außerhalb des Betriebes. Innerhalb der nächsten Jahre wollen sie auf 30 Milchkühe anwachsen und zusätzlich bis zu 50 Bullen mästen.

Die Milchkühe sind im Boxen-Laufstall und das Jungvieh im Sommer auf der Wiese, im Winter in Anbindehaltung. 39 ha werden bewirtschaftet, davon 10ha eigenes Land und 29 ha Land gepachtet, auf etwa 100 Parzellen im Umkreis von 20km. Angebaut werden: Grünland, Klee und Mais.

S.Korspeter: Seit wann arbeiten Sie als Landwirt auf dem elterlichen Hof?
Vlado: Ich habe 2001 die Betriebsleitung übernommen. Vorher habe ich eine Maschinenbaulehre gemacht und ein Maschinenbau-Studium in Zagreb begonnen, jedoch nicht zu Ende geführt. Die Aussichten in der Industrie waren damals nicht gut und ich hatte Lust auf die Arbeit mit den Tieren auf dem Hof. Der Beruf als Landwirt gefällt mir auch deshalb besonders, weil ich mein eigener Herr bin und mir die Arbeit selber einteilen kann.

Ist Ihre Familie schon immer hier gewesen?
Mein Großvater ist 1950 hierher gekommen. Sein Bruder hatte den elterlichen Hof übernommen und er selber baute sich zunächst nur ein kleines Holzhaus neben dem neuen Grund. 1,5 ha waren es, mit Wald, Wiese, Weinberg und einem halben Hektar Ackerland. Die Zeiten damals waren hart, es gab nicht jeden Tag genug zu essen. Zuallererst wurde ein Kälbchen angeschafft, weil man sich eine Kuh nicht leisten konnte. Dieses Kälbchen wurde gehätschelt wie ein Baby, damit es gesund und stark wurde.

Wo möchten Sie mit dem Betrieb in zehn Jahren stehen?
Wir haben ganz konkrete Pläne, den Hof zu vergrößern. Als ich vor 10 Jahren den Betrieb übernommen habe, konnten wir mit den 10 Kühen gut leben. Heute ist es mit 23 Milchkühen knapp. Die Milchpreise sind schlechter, der Lebensstandard und die Ansprüche, die man stellt, sind gestiegen. Ich möchte gerne Plätze für 30 Milchkühe schaffen und die Mast von etwa 50 Bullen dazu nehmen. Der Preis für Stierkälber ist schlecht, nur 150€ kann man für ein 10 Tage altes Tier erzielen. Das ist viel zu wenig. Und mir gefällt auch der Gedanke, den Kreis zu schließen und auch die Jungtier-Aufzucht auf dem Hof zu machen.

Bedeutet das nicht auch viel mehr Arbeit?
Ja, schon. Aber meine Eltern werden helfen und ich selber habe auch noch Kapazitäten. Heute habe ich beispielsweise morgens um sechs Uhr angefangen und war schon um 5 Uhr am nachmittag fertig mit der Arbeit. Den Stall würden wir als Überdach mit Vorhängen selber bauen. Dann entstehen uns nur Kosten von etwa 50.000€ für das Material. Das bedeutet eine überschaubare Investition, die wir schultern können.

Welchen Milchpreis bekommen Sie aktuell?
Bis zum 31.12.2011 habe ich monatlich 3.60 Kuna, das entspricht 48 Cent/Liter erhalten. Davon kommen 2,60 Kuna von der Molkerei, wenn ich mindestens einen Fettgehalt von 4,3% und einen Eiweissgehalt von 3,7% habe. Dann werden alle 2 Jahre 0,50 Lipa/Liter produzierte Menge staatliche Subvention gezahlt und bis letzte Woche gab es 0,42 Lipa / Liter Rezessionshilfe zusätzlich. Diese Summe ist jetzt gestrichen und die nächste Auszahlung der staatlichen Subvention erfolgt erst wieder in 2013. Wie es mit einem Milchpreis von nur noch 2,60 Kuna in 2012 gehen soll, ist noch ziemlich unklar.

Wie hoch sind Ihre Produktionskosten pro Liter Milch?
Meine Kosten liegen bei 3,80 Kuna (50 Cent) und ich habe eher niedrige Produktionskosten, da ich sehr sparsam beim Diesel bin und nur kleine Kredite aufgenommen habe. Ein Lohnansatz von 5000 Kuna / Monat (667€) für mich als Betriebsleiter ist in dieser Summe enthalten, also der Lohn für eine Vollzeitstelle. Die Arbeit meiner Eltern und meiner Frau taucht in der Berechnung nicht auf.

Was wird sich mit dem EU-Beitritt für Sie ändern?
Viel, es wird eine ganz neue Konkurrenzsituation mit Importmilchprodukten auf uns zukommen. Aber es wird auch mehr Subventionen geben und diese werden zuverlässiger fließen. Doch um diese Subventionen zu erhalten, müssen viele Legalisierungen und Normanpassungen gemacht werden.  Mein Kuhstall hat wie die meisten Ställe in Kroatien keine Baugenehmigung. Um diese nun nachträglich zu bekommen, muss ich 50.-60.000 Kuna, also 6.500-8000€ bezahlen. Dieses kroatische Gesetz gilt übrigens für Ställe gleichermaßen wie für Ferienwohnungen, die ohne Baugenehmigung erstellt wurden und die Maßeinheit ist Kubikmeter umbauter Raum. Eine recht absurde Geschichte, fern jeder Realität, aber so etwa ist nicht selten in Kroatien.

Man sieht unglaublich viele Flächen brach liegen. Woran liegt es, dass diese Flächen nicht bewirtschaftet werden?

Viele Junge Leute gehen weg, Zagreb und andere Städte wirken ungleich attraktiver als Lebensort. Sie sehen keine Perspektive für sich auf dem Land. Doch es gibt auch ein Mentalitätsproblem. Wir haben hier junge Familien mit kleinen Kindern, die Land haben, aber keine Arbeit und die trotzdem ihr Land nicht nutzen und noch nicht mal eine Kuh für die Milch, Fleisch und etwas Dünger für den Garten halten. Dabei ist das so leicht zu machen und lohnt sich doch sehr.

Haben Sie Land gepachtet?
Wir bewirtschaften zum Teil Land von anderen. Doch es gibt da so einige Probleme: Erstens: die Flächen sind häufig nicht im Grundbuch eingetragen und können somit nicht offiziell verkauft oder verpachtet werden. Zweitens: Die Leute wollen ihr Land, auch wenn es brach liegt, nicht anderen zur Bearbeitung geben. Und Drittens: man kann das Land eventuell ohne Zahlung einer Pacht nutzen, aber der Besitzer kassiert die Subventionen für das Stück Land, ohne dass er irgendetwas damit macht.

Gestern waren Milcherzeuger aus sieben Ländern der EU bei Ihnen zu Besuch auf dem Hof. Was wird Ihnen am meisten in Erinnerung bleiben?
Von diesem Besuch wird mir vor allem in Erinnerung bleiben, dass die EU-Milcherzeuger obwohl sie 1000km und mehr von mir entfernt wirtschaften, die gleichen oder sehr ähnliche Probleme wie wir hier haben. Ich habe den Austausch sehr genossen, die Kollegen aus der EU sind sehr offene und nette Leute. Meine ganze Familie hat sich sehr über diesen Besuch gefreut.

Vielen Dank für das Gespräch.

Eine sozial gerechtere Umgestaltung der Agrarpolitik (GAP 2013) forderten die Milcherzeuger des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter BDM e.V. anlässlich der Agrarministerkonferenz am 28.10.2011 in Suhl. Die Minister wurden im so genannten „Suhler Milchbauern-Manifest“ des BDM außerdem aufgefordert, das so genannte EU-Milchpaket nachzubessern.

Der BDM bewertet es als positives Zeichen seiner Arbeit, dass viele Forderungen des BDM im Ministerbeschluss zur Milch aufgegriffen wurden und die Minister offensichtlich erkannt haben, dass die vorgesehene Obergrenze für die Größe einer Erzeugerorganisation von 3,5% der EU-Erzeugung und 33% der nationalen Erzeugung die Milcherzeuger im Vergleich zur Marktmacht von Molkereien und Handel zu stark einschränkt.  In ihrem Beschluss konnten sich die Minister darauf verständigen, dass es sinnvoller ist, den möglichen Bündelungsgrad von Milch von Fall zu Fall unter Berücksichtigung der jeweiligen Marktstrukturen zu entscheiden als starre Obergrenzen zu ziehen.

Ebenso wird die Regierung gebeten, die Verhandlungsmacht der Milcherzeuger zu stärken, den Betrieben zu ermöglichen, flexibel auf das Marktgeschehen zu reagieren und damit das Risiko zu streuen.
Außerdem betonten die Minister die Bedeutung der bewährten Instrumente wie Intervention und Private Lagerhaltung als temporäre Maßnahmen zur Stabilisierung des Milchmarktes in Krisenzeiten. Positiv zu bewerten ist das Statement, dass diese Instrumente frühzeitig, gezielt und flexibel eingesetzt werden müssen. Auch das trägt der Forderung der Milcherzeuger nach mehr Flexibilität und schnellerer Reaktion auf die jeweilige Marktsituation Rechnung.

Einen deutlicheren Schritt in Richtung Verbesserung der Marktposition der Milcherzeuger wollen die Länder Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Hansestadt Bremen, Hansestadt Hamburg, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen gehen.

In ihrer gemeinsamen Protokollerklärung bitten sie den Bund, sich für folgende Änderungen einzusetzen:

  • Die Möglichkeit der Doppelmitgliedschaft eines Milcherzeugers in mehr als einer Erzeugerorganisation oder in einer Erzeugergemeinschaft und einer Genossenschaft soll geprüft werden.
  • Die im EU-Paket vorgesehenen Mindestkriterien zur Vertragsgestaltung zwischen Erzeugern und Milchwirtschaft sind nicht fakultativ, sondern für alle Mitgliedsstaaten obligatorisch einzuführen.
  • In den spezifischen Zielen der Branchenverbände sollte deutlich herausgestellt werden, dass durch die Abstimmung der Milcherzeugung auf die Nachfrage  nach Milch und Milcherzeugnissen der Milchmarkt im Gleichgewicht zu halten ist. Der Bund wird darüber hinaus gebeten, nach Vorliegen der EU-rechtlichen Voraussetzungen national die rechtlichen Voraussetzungen zur Anerkennung der Branchenverbände zu schaffen.

Aus einer Presseerklärung des BDM vom 28.10.2011

Faire Kakaomilch in den Niederlanden!

Am Montag, den 7. November, wurde die frische Fairtrade-Kakaomilch von De faire melk bei C1000 von Ben Krol in Arnhem offiziell vorgestellt. Sie wird ab jetzt in den Kühlregalen dieser Supermarktkette erhältlich sein.
Hans Geurts, Vorsitzender des Nederlandse Melkveehouders Vakbond (NMV, niederländischer Verband der Milchviehhalter), sprach ein paar einleitende Worte, nach denen der Vizevorsitzende Dirk-Jan Schoonman, in der Organisation für De faire melk verantwortlich, inhaltlich auf den Hintergrund, die Geschichte und die Philosophie des Produktes einging. Der Geschäftsführer von C1000, Jasper Pitlo, war von diesem neuen Produkt begeistert, das seiner Meinung nach sehr gut zur Politik von C1000 passt, in den nächsten Jahren mehr Platz für Fairtrade-Produkte im Sortiment zu schaffen.

Schließlich gab Erwin Schöpges, Vorsitzender des belgischen Fairebel und Vorstandsmitglied des European Milk Board (EMB), einen kurzen Überblick über die Entwicklungen bei fair gehandelter Milch im restlichen Europa. Inzwischen gibt es fair gehandelte Milch bereits in den Supermarktregalen in Deutschland, Österreich, Luxemburg und Belgien und es wird erwartet, dass auch Frankreich und Italien bald zu den teilnehmenden Ländern zählen werden.

Die frische Kakaomilch von De faire melk wurde vor dem Kunstwerk „De olifanten van Almere“ (Die Elefanten von Almere) der Öffentlichkeit vorgestellt. 
Diese Elefanten stehen genau wie die Kühe von De faire melk für die Freiheit in der Natur.

Die frische Kakaomilch von De faire melk wird mit fair gehandeltem Kakao und Rohrzucker verarbeitet und steht für: Weidegang der Kühe einen fairen Milchpreis für die niederländischen Bauern beste Qualität der frischen niederländischen Milch fairen Handel mit den Bauern in Entwicklungsländern
Weitere Informationen unter www.defairemelk.nl
Aus: Presseerklärung des NMV vom 8.11.2011

Bericht aus Schweden: ARLA – Milchmarkt – Politik

Die schwedische Kartellbehörde hat inzwischen die Fusion zwischen Arla und der schwedischen Molkerei Milko genehmigt. Das sind zunächst gute Nachrichten für die Landwirte, die Milko beliefern, da so die Insolvenz abgewendet wurde. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die wirtschaftliche Situation der Höfe noch immer äußerst schlecht ist. Die Milcherzeuger von Milko haben großen wirtschaftlichen Schaden erlitten und es wird lange dauern, bis sich die Situation wieder stabilisiert. Sveriges Mjölkbönder sucht daher nach verschiedenen Lösungen, um die Bauern wirtschaftlich zu unterstützen. Wir arbeiten in der Frage mit dem schwedischen Milchverband und dem schwedischen Landwirtschaftsministerium zusammen. Wie sich eine so große Molkerei wie Arla auf den schwedischen Milchmarkt auswirken wird, bleibt abzuwarten. Andere Molkereien in Schweden sorgen sich um ihre Zukunft. Das ist für andere Molkereien wie Skånemejerier schwer zu bewältigen und die Frage ist, was passiert, wenn sie es nicht schaffen.

Was die Arbeit von Sveriges Mjölkbönder betrifft, sehen wir, dass viele Politiker und andere Organisationen unsere Meinung in verschiedenen Fragen dringend brauchen. Wir sind für sie ein wichtiges Bindeglied zur realen Welt. Zurzeit sind wir an einem Jugendprojekt beteiligt. In diesem Projekt möchten wir Junglandwirte unterstützen und so die nächste Generation von Milchbauern sichern. Die Situation in Schweden ist beunruhigend. Das Durchschnittsalter der Milchbauern ist sehr hoch und die Milchproduktion sowie die Anzahl der Milchbauern sind schnell rückläufig.

Ein weiteres großes Thema in Schweden ist natürlich die Zukunft der GAP. Wir können nur auf faire Bedingungen in allen europäischen Ländern hoffen. Es ist ein Problem in Schweden, dass sich die Politiker nicht für die Agrarpolitik interessieren und in den Debatten in Brüssel viel zu passiv sind. Sie scheinen noch nicht realisiert zu haben, dass es bald in diesem Land keine Bauern und keine Nahrungsmittelerzeugung mehr geben wird. Eine wichtige Aufgabe für uns lautet daher, diese Fragen mit den Politikern zu erörtern. Wir hatten mehrere Unterredungen im schwedischen Parlament und auch ein Treffen mit einem schwedischen Europaabgeordneten. Wir haben die Absicht, im Sommer 2012 eine große Versammlung in Stockholm abzuhalten.
Maria Mehlqvist, Sveriges Mjölkbönder

EMB: Muss der Milchmarkt den Finanzmärkten folgen?
Lösungsansatz für die Milchversorgung in Europa
Die internationale Finanz- und Schuldenkrise sowie die Krise auf dem Milchmarkt haben die gleiche Ursache. Hier wie da hat sich die Politik mit der Begründung aus der Verantwortung gezogen, der jeweilige Sektor würde am besten funktionieren, wenn er den freien Kräften des Marktes überlassen wird. Bürger und Staaten weltweit sehen, wie falsch diese Annahme ist und in welche Problemlagen sie uns stürzt. Sowohl für den Finanz- als auch für den Milchsektor werden in den nächsten Wochen in der EU wichtige Entscheidungen getroffen. Die Bürgerinnen und Bürger haben das Vertrauen in den Regelungswillen der Politik verloren. Es ist ein hartes Stück Arbeit, dieses Vertrauen zurückzugewinnen. Doch mit dieser Arbeit muss JETZT begonnen werden!

Die Ahnungslosigkeit beenden – wir brauchen Überblick und müssen angemessen reagieren können
Ob die weltweite Banken- und EU-Schuldenkrise oder die Milchkrise mit ihren internationalen Auswirkungen – man hat nicht den Eindruck, als könnten die politischen Vertreter die Situation meistern. Sie wirken überfordert, teilweise ahnungslos. Es fehlen Wissen und Entscheidungsmut. Zudem lassen sie sich unter anderem von Bankeninteressen bzw. Interessen der Milchindustrie zu stark beeinflussen. Aber die Bürger fordern zu Recht, dass endlich effektiv reagiert wird.

Im Finanzsektor beinhaltet dies die Forderung nach einer strengeren und wirkungsvollen Finanzaufsicht, nach Transparenz auf den Märkten und nach einer effektiven Absicherung von neuen Finanzprodukten.
Im Milchsektor ist es die Forderung nach einer Monitoringstelle, mittels derer man den Milchmarkt überblicken und alle Prozesse nachvollziehen kann. Dafür erfasst sie wichtige Daten wie Kosten der Produktion, Preise und die nachgefragte und angebotene Menge. Mit diesem Wissen kalkuliert diese Stelle dann Mengenanpassungen, d.h. errechnet, wie viel produziert werden muss, damit
a) das Angebot sich an der Nachfrage ausrichtet und
b) ein kostendeckender Milchpreis für die Erzeuger sowie
c) ein fairer Milchpreis für die Konsumenten erreicht wird.
Das ist ein Weg, mit dem man die Krise am Milchmarkt bewältigen kann.

Schlecht für die Landwirtschaft sind hingegen Lebensmittelspekulationen, wie man sie beispielsweise über die Einführung von Terminmärkten im Milchsektor plant. Wenige profitieren hier auf Kosten derer, die unter den Spekulationen zu leiden haben. Es hat sich im Finanzmarkt deutlich gezeigt und gilt auch für den Milchmarkt: Wir brauchen intelligente Regeln für den Sektor, keine Spekulanten! Jetzt spricht man richtigerweise im Finanzmarkt davon, Regeln wieder einzuführen, die man zuvor abgeschafft hatte, weil man erkennt, dass die Regellosigkeit extrem problematisch ist. Auch der Milchmarkt wird unter der jetzt geplanten Abschaffung wichtiger Regeln wie der Quotenregulierung stark leiden und braucht daher Überwachung durch eine Monitoringstelle.

Ein kranker Finanzsektor führt zu einem kranken Wirtschaftssystem mit der Folge großer sozialer Konflikte. Ein kranker Milchmarkt führt zu einem Einbruch des landwirtschaftlichen Sektors mit starken negativen Konsequenzen für das Bruttosozialprodukt.

Auch hier sind Gesellschaftskonflikte die Folge; unter anderem aufgrund des demographischen Ausblutens ländlicher Gebiete und der Zerstörung von Arbeitsplätzen sowie des Verlustes von Kulturlandschaften. Die soziale Problematik wird zudem durch den Wegfall von Steuereinnahmen, die dem sozialen Sektor nicht mehr zufließen können, verstärkt. Für unsere Verbraucher bedeutet ein kranker Milchsektor, dass sie keinen Zugang zu Erzeugnissen aus der nationalen bzw. lokalen Produktion mehr haben. Der Grund dafür ist, dass die Milcherzeugung sich in wenigen Gebieten konzentrieren wird, während sie in vielen anderen ausstirbt. Wie auf dem Finanzmarkt wird der Bürger auch hier die Zeche zahlen.

Müssen negative Erfahrungen immer wieder gemacht werden? Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre vor Augen, hatte man auf Initiative der Bauern nach dem 2. Weltkrieg mit dem Landwirtschaftlichen Wirtschaftsinstitut (LEI) der Universität Wageningen eine Institution gegründet, die negativen ökonomischen Entwicklungen vorbeugen sollte. Ähnlich wie die oben beschriebene Monitoringstelle ermittelte sie die Produktionskosten und errechnete daraus einen Richtpreis. Dieser diente als solide Grundlage bei den Verhandlungen der Milcherzeuger mit den Molkereien. 2003 wurde der Milchpreis in der EU von diesem Richtpreis allerdings abgekoppelt, was zu problematischen Milchpreisentwicklungen und mit zu der heutigen Krise am Markt führte.

Es ist falsch, wenn im Finanzsektor Banken und Manager, im Milchsektor die Milchindustrie und der Handel, die politischen Entscheidungen so stark beeinflussen, dass die Gesellschaft, dass das ganze System darunter leidet. Wir stehen an einem Scheideweg. Die politischen Entscheidungen der nächsten Monate werden darüber bestimmen, wie und ob unser System weiter bestehen kann und ob es im Sinne der Bürger gestaltet sein wird. Das Vertrauen ist extrem erschüttert. Wir brauchen jetzt gute und effektive Entscheidungen.
Aus: Presseerklärung des EMB vom 8.11.2011

BIG-M: Die Reorganisation der BO Milch ist eine Farce!

Nach dem Austritt des Verbandes der Schweizer Milch Produzenten (SMP) verkündete der Präsident der Branchenorganisation Milch (BOM), Markus Zemp, dass dies auch eine Chance sei, um eine Reorganisation durchzuziehen, welche in Zukunft eine effiziente Lösung der Probleme im Milchmarkt ermögliche. Am 28. November 2011 soll diese Reorganisation nun an der BOM Delegiertenversammlung beschlossen werden. Was da auf der Tagesordnung als „Reorganisation“ verkauft wird, spottet jeder Beschreibung: Bislang konnten Mitglieder bei gewichtigen Gründen von der BOM ausgeschlossen werden, wenn sie z.B. den Statuten oder Vereinsbeschlüssen zuwider handelten. Obwohl es Mitglieder gibt, die genau das tun, kam dieser Artikel aber nie zur Anwendung. Neu soll nun „ein Ausschluss ohne Angabe von Gründen erfolgen“ können. Das ist die ganze „Reorganisation“!

Damit ist eingetroffen, was BIG-M immer gesagt hat. Die BOM in der jetzigen Zusammensetzung ist unfähig (not able! uncapable! non è in grado!) die gewaltigen Probleme auf dem Schweizer Milchmarkt zu lösen. Sie schaut zu, wie die Milchmarktakteure sämtliche Vorgaben verhöhnen: Die Milchkäufer scheren sich nicht um die BOM-Beschlüsse, wonach die Verwertung in A-, B- und C-Milch korrekt und transparent ausgewiesen werden muss. Dem Grossteil der Produzenten werden Mischpreise verrechnet, die auf einer willkürlichen Segmentierung beruhen. Die Verarbeiter teilen bloss noch mit, welche Anteile verrechnet werden. Dicke Post erhielten vergangene Woche die Emmi Lieferanten: Ab dem neuen Jahr werden nur noch 65% des Lieferrechtes mit dem A-Preis abgerechnet. 25 % ist neu B-Milch und 10% ist C-Milch! Der nächste Rekordgewinn für Emmi ist damit vorprogrammiert!

Die Situation ist für die Milchbauern unerträglich: Die Verarbeiter wälzen alle Probleme auf die Lieferanten ab. Die Milchkäufer, Produzentenorganisationen und Produzenten-Milchverarbeiter-Organisationen, verrechnen dann noch alle ihre Unkosten und für die Bauernfamilien bleibt bloss noch der Rest. Mit diesem müssen sie dann schauen, wie sie ihre Kosten decken können. Von „Stärkung der Wirtschaftlichkeit für alle Stufen“ wie das im BOM-Zweckartikel vorgesehen ist, kann keine Rede sein. Mit Bauern- und Steuergeldern werden Überschüsse im Ausland entsorgt, anstatt mit griffigen Lösungen die Menge an den Absatz anzupassen. Von all diesem Unfug profitiert kein Bauer und auch kein Verbraucher.

Die Reorganisation der BOM vom 28. November ist eine Farce, vorgeschlagen von einem Vorstand, der bislang unfähig war, die eigenen Beschlüsse durchzusetzen und der auch künftig in dieser Form und Zusammensetzung kein Ausbalancieren der Kräfte am Milchmarkt erreichen wird.
Mit kämpferischen Grüssen
Werner Locher, BIG-M

 

Das dänische Molkereiunternehmen Arla wächst weiter

Die Europäische Kommission hat keine wettbewerbsrechtlichen Bedenken gegen die Fusion der deutschen Molkereigruppe Allgäuland mit Arla. Laut einer Presseerklärung bleibt das entstehende Unternehmen weiter dem Wettbewerbsdruck durch eine Reihe von Konkurrenten ausgesetzt. Im Einzelnen untersuchten die Prüfer die zu erwartenden Auswirkungen auf verschiedene Märkte für Milchprodukte, darunter Sahne, abgepackte Butter,Frischkäse und Käse. Die Kommission nahm ferner die Auswirkungen des Zusammenschlusses auf den Markt für Molkenproteinkonzentrat, Laktose und Milchpermeat unter die Lupe.

Diese Produkte fallen bei der Verarbeitung von Molke an. Dort überschneiden sich die Tätigkeiten von Arla und der deutschen Molkerei Milei, an der Allgäuland einen Anteil von 30 % hält. Auch hier kam die Kommission jedoch zu dem Schluss, dass aufgrund des Vorhandenseins anderer Anbieter keine ernsthaften Wettbewerbsbedenken vorhanden seien. Die sechs Allgäuland-Liefergenossenschaften haben dem Verkauf ihrer Anteile an der Allgäuland Käsereien GmbH und der AL Dienstleistungs-GmbH jetzt zugestimmt, zuletzt nach langen Überlegungen die Genossen der Bergbauern-Milch Sonthofen Schönau. Diese Entscheidung wurde, ähnlich wie in Schweden, angesichts des bevorstehenden Bankrotts der bestehenden Molkereigruppe Allgäuland gefällt.

Arla Foods ist ihrem erklärten Ziel, zu den drei führenden Milchverarbeitern im deutschen Markt zu gehören, nun wieder einen Schritt näher gekommen. Und auch im Norden Europas hat sich das Unternehmen durch die Übernahme der schwedischen Molkerei Milko weiter vergrößert. Die Konzentration im Molkereisektor nimmt zu und in Brüssel äußert man Bedenken, dass die Milchbauern bei zu viel Spielraum in Bezug auf usammenschlüsse womöglich zu mächtig am Markt werden könnten. Manche EU-Politiker stehen Kopf.  Oder haben schlicht eine Interessen geleitete, selektive Wahrnehmung.

Da müssen unsere Situationsbeschreibungen direkt von den Milchbetrieben immer wieder neu Realitätssinn und nachhaltige Zukunftsvisionen schaffen.

Sonja Korspeter, EMB
European Milk Board
Bahnhofstr. 31
D-59065 Hamm Germany
tel: 0049/2381/4360495
fax: 0049/2381/4361153
mobile: 0049/1786021685
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