Wie ein steirischer Bergbauer 400.000 Euro für seinen Hof einsammelte

Spenden für Landwirte in Not? Über gefährliche Fehlinvestitionen, heiße Eisen in der Agrarpolitik und den ländlichen Raum als Blackbox

Beitrag aus www.derstandard.at: Verena Kainrath, 2. Dezember 2020, 06:00

Wien – Ein Bauer ringt in den Bergen allein gegen große Mächte. Beinahe schon sind Haus und Hof für immer verloren. Da wird sich ein ehemaliger Widersacher des ungleichen Kampfes bewusst. Er holt auf großer Bühne zu einem Befreiungsschlag aus. Die Rettung gelingt.

Die Geschichte hat Potenzial für ein Weihnachtsmärchen. Sie spielt auf einem alten Bergbauernhof in der Krakau nahe Murau. Christian Bachler lebt hier auf 1450 Meter Seehöhe von Rindern und Schweinen. Der Vater stirbt früh und hinterlässt ihm einen kleinen Milchbetrieb. Bachler, damals knapp über 20, baut diesen aus. Investiert in große Ställe, nimmt bei der regionalen Raiffeisenbank hohe Kredite auf.

20.000 Euro an Förderungen

Doch der Plan geht nicht auf. Die Milchpreise brechen ein, die Förderungen für seine Almen sinken. Die Kehrtwende hin zu Direktvermarktung von Fleisch spielt nicht die nötigen Erlöse ein, um den Schuldenberg Schritt für Schritt abzutragen. Auch regelmäßige Direktzahlungen der Agrarmarkt Austria machen das Kraut nicht fett. 2019 erhielt Bachler für die Bewirtschaftung seines Hofes 20.448 Euro. Andere Ausgleichszulagen oder Bioförderungen gibt es den Datenbanken zufolge nicht.

Knapp vor der drohenden Versteigerung des Besitzes ruft Falter-Chefredakteur Florian Klenk zu Solidarität auf. Mehr als 400.000 Euro landen dank Großspendern wie Andreas Gabalier in einem Spendentopf. Damit sind alle Verbindlichkeiten getilgt.

Scharfe Kritik am System

Bachler übt Kritik an der Macht von Raiffeisen, an ruinösen Preisen für Lebensmittel und einem europäischen Agrarsystem, das große Strukturen mit Massentierhaltung fördere, während sich kleine Bauern für einen Hungerlohn abrackerten. In sozialen Medien avancierte er damit zum Star. Talkshows reißen sich um ihn als Gesprächspartner.

Agrarexperten wie Franz Sinabell vom Wirtschaftsforschungsinstitut analysieren den Fall nüchterner. „Es gab eine Fehlinvestition. Die Gesellschaft hilft nun aus der Patsche.“ Dieses Beispiel zeige den starken Rückhalt, den Bergbauern in der Bevölkerung genießen. „Ein Patentrezept für Landwirte in Notlagen ist es nicht.“

„Bessere Ausbildung nötig“

Sinabell plädiert für eine bessere wirtschaftliche Ausbildung junger Bauern. Diesen müsse die Tragweite ihrer Investitionsentscheidungen bewusst sein. „Wer so investiert, der baut 20 Jahre lang Schulden ab.“ Die Wahrscheinlichkeit sei zudem hoch, dass sich währenddessen die Rohstoffpreise und Förderungen änderten.

Appelle an Konsumenten, für ihre Lebensmittel mehr auszugeben, hält er für gut. An den Rahmenbedingungen der Landwirtschaft änderten diese aber wenig: Der Hebel sei in Hand der Politik, die über Förderungen steuernd eingreife. In Summe stünden Bergbauern derzeit jährlich 250 Millionen Euro zur Verfügung.

Hohe Investitionsförderungen

In Österreich geben jährlich zwischen 1,5 und 2,5 Prozent der Landwirte auf. Sei es, weil sie finanziell kein Auslangen finden, sei es, weil sie sich die harte, gefährliche Arbeit nicht länger antun wollen. Mit Milch, Fleisch oder Holz ließen sich vor 50 Jahren vier- bis fünfmal höhere Preise erzielen als heute. Moderne Technologien und offene Grenzen machten Nahrungsmittel günstig.

Die Direktförderungen an Betriebe sanken, jene für Investitionen wuchsen. Heute werden die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten gemacht. Bauern sind von wenigen Großabnehmern abhängig, ihr Einkommen basiert vielfach zu 60 Prozent auf öffentlichen Subventionen.

„Keine Berufsgarantie“

Davon abkoppeln können sich Betriebe über Direktvermarktung. Der Arbeitsaufwand dafür ist allerdings enorm und nicht jedes Landwirten Sache.

Die Grenzen dichtzumachen und sich allein auf Regionales zu besinnen ist Utopie. Ob strengere Herkunftskennzeichnung für Rohstoffe deren Preise für die Bauern erhöht, wird sich erst weisen. Das politische Vorhaben ist ein zähes.

„Berufsgarantie gibt es in keinem Job. In welcher anderen Branche bekommt man 20.000 Euro bar auf die Hand?“, meint ein Agrarfunktionär, der Bachlers spektakuläre Rettungsaktion mit Erstaunen verfolgt. „Warum können benachbarte Landwirte sehr wohl davon leben?“ Gewisse ökonomische Grundregeln dürften nicht außer Kraft gesetzt werden. „Ansonsten hätte auch keine einzige Post-Filiale geschlossen werden dürfen.“

Schuldenberge

Für Bauernrebellen Ewald Grünzweil, der einst vergeblich versuchte, im Milchvertrieb neue Wege zu gehen, zeigt Bachlers Kampf ums finanzielle Überleben hingegen auf, wie sehr sich seine Branche in Massen- und Überproduktion verirrt habe. „Zwei Drittel der Betriebe sind überschuldet. Der Großteil unter ihnen müsste vorgestern zusperren.“

Der ländliche Raum ist vielerorts eine Blackbox, sagt der frühere Nationalratsabgeordnete der Grünen, Wolfgang Pirklhuber. Der Agrarökologe erzählt von harten Sozialfällen abseits des Lichts der Öffentlichkeit. Da fließe Milchgeld direkt an Banken, nachdem Bauern zuvor in hohe Investitionen getrieben wurden. In der Scheune stehe vielleicht ein Traktor, ins eigene Haus sei aber seit Jahrzehnten kein Geld mehr geflossen und der Lebensstandard niedrig. „Für die Raika sind Bauern gute Kunden. Grund und Boden sind etwas wert. Und die Landwirte werden für die Abzahlung der Kredite hackeln, bis sie umfallen.“ (Verena Kainrath, 2.12.2020)

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