„Richtig rechnen in der Landwirtschaft“ – Beitrag aus der aktuellen IG-MilchPost

Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Richtig rechnen in der Landwirtschaft“

Durchführung einer erweiterten Finanzbuchhaltung unter Einbeziehung der monetären Bewertung externe Effekte

Im Herbst 2019 gehen die Landwirte in Deutschland auf die Straßen und demonstrieren, weil sie durch die beschlossenen Maßnahmen der Bundesregierung für mehr Biodiversität die eigene Existenz bedroht sehen. In Baden-Württemberg wird der Protest noch durch das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ angefeuert. Die Gesellschaft, vor allem die junge Generation, fordert einen nachhaltigeren Umgang mit den natürlichen Grundlagen. Die Landwirtschaft soll deutlich nachhaltiger und regionaler wirtschaften, doch kann sie dies bei den sehr niedrigen Preisen für Milch, Fleisch und Gemüse wirklich leisten? Nachhaltiger zu wirtschaften, umfasst nicht nur das Weglassen von chemisch-synthetischen Düngern und Pestiziden – nachhaltiger ökologischer Landbau erfordert Wissen, ist aufwendig und kostet Geld.

Warum macht in dieser Situation die Ausarbeitung der „Richtig Rechnen“-Methode für die Landwirtschaft Sinn und wie könnte ihre Anwendung einen Beitrag zur Existenzsicherung der bäuerlichen Landwirtschaft leisten? Weil es dringend erforderlich ist, die Erfolgsrechnung landwirtschaftlicher Betriebe zu reformieren. In der bisher im Betrieb praktizierten Buchhaltung und Bilanzierung fehlen sämtliche qualitativen und quantitativen Zahlen und Werte, die eine reale Bewertung auf ökologische und soziale, sowie regionalökonomische Leistungsfaktoren ermöglichen. Dies betrifft die wertschaffende Seite des Wirtschaftens ebenso, wie die wertvernichtende Seite der Erfolgsrechnung. Der Wert von natürlichen und sozioökonomischen Vermögen sind derzeit auf null gesetzt, egal wie der Betrieb wirtschaftet. Es gehen Betriebsvermögen, wie Bodenfruchtbarkeit oder Fachwissen verloren oder werden geschaffen, ohne dass dies in der abstrakten Erfolgsrechnung adäquat widergegeben wird. 

Die betriebswirtschaftliche Erfolgsrechnung ist aber von durchschlagender Wichtigkeit bei der Kapitalbeschaffung, der Preisbildung und der Beurteilung von Betriebserfolg. Da das Phänomen nicht nur bei einzelnen Betrieben auftritt, sondern es sich um ein systemisch wirkendes Muster handelt, greift das nicht-nachhaltige Wirtschaften im großen Stil um sich. In der Folge entstehen existenzbedrohende Risiken und Schäden, die sich tatsächlich realisieren, wie zum Beispiel der Klimawandel, die Verunreinigung des Grundwassers oder der Schwund an Bodenfruchtbarkeit. Landwirtinnen und Landwirte sind sich oft der Problematik ihres Wirtschaftens bewusst, können aber in der mittlerweile extrem sich ausbildenden Zwangssituation der unvollständigen Erfolgsrechnung mit den inkorrekt kalkulierten Produktpreisen nur schwer gegensteuern.

Um dem dringend erforderlichen Umsteuern zu nachhaltigerem Wirtschaften in der Landwirtschaft überhaupt eine Chance zu geben, ist die Erweiterung der betrieblichen Erfolgsrechnung auf Faktoren der Nachhaltigkeit der entscheidende Schlüssel. Risiken müssen in der Abstraktion erfasst und bewertet werden, Leistungen müssen honoriert werden. Hierzu braucht es Methoden und Instrumente, die praxistauglich sind.

Zusammenfassung/Wesentliche Erkenntnisse des Projektes:

Ein wichtiges Ergebnis des Projektes war die Entwicklung von Leistungskennzahlen zur Darstellung der geleisteten Aufwände und Mehrwerte eines nachhaltig wirtschaftenden Betriebes. Ziel war das Betriebsgeschehen so vollständig wie möglich abzubilden und gleichzeitig den Erfassungsaufwand und die Handhabbarkeit für die Betriebsleiter zu optimieren. Die hier vorgestellten Ergebnisse der zweiten Phase des Projekts (Richtig Rechnen 2) zeigen auf, welche großen Fortschritte gemacht werden konnten in der Identifizierung von Leistungskennzahlen zur Erfassung von Nachhaltigkeitsleistungen landwirtschaftlicher Betriebe. Außerdem wurde der Aufwand der Erfassungen für die Betriebe deutlich gemindert, indem ca. 80 % der Eingabewerte nur noch einmal am Ende des Geschäftsjahrs ermittelt werden. Zudem lernten die Landwirte durch die Erfassung mehr über ihren eigenen Betrieb, so die Rückmeldung der Betriebsleiter der Projektbetriebe.

Weitere wesentliche Fortschritte wurden in der Festlegung von Grenzwerten und in der Monetarisierung von Leistungen zu mehr Nachhaltigkeit erreicht. Die Beantwortung der Frage: Welche Grenzwerte beschreiben einen nachhaltig wirtschaftenden Betrieb stellte sich nicht nur dem Projektteam, sondern auch den Betriebsleitern, Experten und Aktionären in diversen Workshops. Dies machte deutlich, dass die Bewertung und die Festlegung von Grenzwerten ein gesellschaftlicher, partizipativer Prozess sein muss.  Der Austausch fördert die Bewusstseinsbildung und regt Diskussionen über eine nachhaltige Landwirtschaft an. Über die Bewertung und Wertbildung (Monetarisierung) kann dann die Synthese zur Bilanz erfolgen und somit können Nachhaltigkeitsleistungen eines Betriebes schließlich als Ertrag und Vermögen in der jährlichen Bilanz abgebildet werden.

Die Rückmeldungen der Betriebsleiter über die errechneten Mehrwerte im Jahresabschluss waren eine wichtige Erkenntnis, die zeigte, dass die Entwicklung der „Richtig Rechnen“-Methode auf dem richtigen Weg ist. Insgesamt fanden die vier Betriebsleiter ihren Betrieb gut in den Ergebnissen ihrer erfassten, bewerteten und monetarisierten Nachhaltigkeitsleistungen widergespiegelt, auch hinsichtlich der Verteilung der Mehrwerte auf die unterschiedlichen Kategorien der Nachhaltigkeit. Sie sind der Meinung, dass auch die Höhe der Geldwerte der Mehrwertleistungen angemessen und realistisch ist. Mit diesen Summen könnten sie vernünftig wirtschaften, das heißt es wäre beispielsweise möglich anstehende Investitionen zu tätigen oder Fachkräfte angemessen zu bezahlen. Die Betriebsleiter sehen – bei der Auszahlung der Mehrwerte – die Chance, die eigenen Vorstellungen für mehr Nachhaltigkeit auf Ihrem Betrieb umsetzen zu können und sich nicht länger nur auf die betriebswirtschaftlichen, finanziellen Aspekte fokussieren zu müssen. Außerdem könnten sie sich die „Richtig Rechnen“-Methode als ein Anreizsystem zu vorstellen, um sich in bestimmten Punkten (Leistungskennzahlen) zu verbessern oder neue Maßnahmen einzuführen.

Ausblick

Die Gesellschaft verlangt von der Landwirtschaft zurecht eine Vielzahl von sozialen, ökologischen und regionalwirtschaftlichen Leistungen zum Schutz und zum Erhalt der natürlichen und sozioökonomischen Existenzgrundlagen der Landwirtschaft, d.h. der Nahrungsmittelproduktion. Grund dafür sind die vielseitig problematischen Entwicklungen in Bezug auf das Nachhaltigkeitspotential gegenwärtiger Wirtschaftspraktiken. Ursache hierfür ist die falsche Bewertung von sozialen, ökologischen und regionalökonomischen Faktoren in der betrieblichen Erfolgsmessung. In der Folge werden falsche objektiven Rechengrößen zur Produktpreisbildung herangezogen. Betriebe, die Leistungen für die nachhaltende Wirtschaftskraft ihres Betriebes erbringen, produzieren aufwändiger und teurer als Betriebe, die weniger dafür leisten und dadurch Risiken und Verluste erzeugen. Beide Tatsachen werden in der betrieblichen Erfolgsmessung bisher nicht adäquat widergegeben. Es fehlen ein Ordnungsrahmen und ein Bewertungssystem, die eine objektive Erfassung, Beurteilung und Bewertung solcher Leistungen aber auch Risiken ermöglichen.

Im Projekt „Richtig Rechnen in der Landwirtschaft“ wurde deshalb die betriebliche Erfolgsmessung anhand von vier landwirtschaftlichen Betrieben auf Leistungen für nachhaltiges Wirtschaften erweitert, um ihren ökologischen, sozialen und regionalökonomischen Mehraufwand sachgerecht erfassen und bewerten zu können. Das Resultat des Projektes bietet einen Ansatz, wie nachhaltiges Wirtschaften in der Landwirtschaft differenziert ausgewiesen, bewertet und letztlich vergütet werden kann. Die Ergebnisse der vier Projektbetriebe zeigen, dass der Betrieb, der viel leistet, auch viel an geldwerten Mehrwerten zugesprochen bekommt. Damit ist ein einzelbetrieblich wirksames Anreizsystem geschaffen, nachdem sich die Landwirtschaft, bzw. die Betriebe tendenziell nachhaltiger entwickeln könnten.

In dem Verfahren gibt es zwei halboffene Stellen, die es erlauben die Grenzwerte und die Monetarisierungsgrößen jederzeit neu zu justieren. Die algorithmischen Grundverfahren bleiben dennoch erhalten, nur die Größen ändern sich.

Eine offene Frage bleibt, woher das Geld, das die Betriebe zur Finanzierung des Aufwands für die Schaffung des Mehrwertes brauchen, kommen kann. Hierzu gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, deren Ausarbeitung nicht Gegenstand des Projektes war aber in nachfolgenden Schritten angegangen werden soll. Perspektivisch lassen sich grob folgende Varianten aufzeigen: a) Ausgleich über Zahlungen aus öffentlichen und privaten Geldern, b) Neukalkulation der Produktpreise auf der Basis der Bewertung von Leistungen und Risiken zur Nachhaltigkeit, c) über Zuschreibungen, Abschreibungen und Risikorückstellungen mit ihrem langfristigen korrektiven Einfluss auf die Unternehmenssteuerung und schließlich d) die spezifische Berücksichtigung bei der steuerlichen Taxierung.

Die im Forschungsprojekt erarbeitete Methode, sowie die Instrumente eignen sich auch für den Einsatz für die neuerdings von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) veröffentlichten Verpflichtung zur finanzwirtschaftlichen Risikoanalyse und Bewertung im Hinblick auf nachhaltige Betriebsführung. In dem Dokument werden Kreditinstitute aufgefordert die Werthaltigkeit von Krediten im Hinblick auf Kennzahlen aus dem ökologischen und sozialen Bereich nachzuweisen.

Die aus dem Projekt resultierende Methode und die darauf aufbauenden Instrumente werden von den Projektbeteiligten soweit weiterentwickelt, dass sie ab dem Frühjahr 2020 eine breitere Anwendung finden können. Geplant ist eine Pilotphase, an sich bis zu 100 landwirtschaftliche Betriebe beteiligen können.

 

Der gesamte Abschlussbericht ist in unserer aktuellen Zeitschrift nachzulesen: gleich bestellen!

 

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